„Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst die Freundlichkeit und Fürsorge entgegenzubringen, die wir unserem besten Freund oder unserer besten Freundin schenken.“
(Kristin Neff)
"Mitgefühl meint eine Sensibilität für das eigene Leid und das anderer, verbunden mit dem Wunsch und der Motivation, dieses Leid zu lindern oder gar zu verhindern (Stierle, 2022). In der buddhistischen Ethik wird Mitgefühl als einer der vier erhabenen Verweilzustände verstanden, die es zu kultivieren gilt. Mitgefühl der eigenen Person gegenüber ist nach buddhistischer Auffassung dabei ebenso essenziell wie das Mitgefühl für andere Personen. Sich selbst gegenüber eine verständnisvolle und empathische Haltung zu kultivieren, so wie wir einer guten Freundin oder einem guten Freund begegnen würden, ist der Kern von Selbstmitgefühl. Es beschreibt die Fähigkeit, das eigene Leid anzuerkennen, diesem mit Freundlichkeit und Fürsorge, in einer nicht bewertenden Weise zu begegnen. Dies verbunden mit dem Wunsch, dieses Leid lindern zu wollen und der Erkenntnis, dass Leid eine gemeinsame menschliche Erfahrung ist (Neff, 2003). Selbstmitgefühl umfasst drei Komponenten:
- Selbstfreundlichkeit bedeutet, sich angesichts von Leid oder Unzulänglichkeiten selbst mit Freundlichkeit und Verständnis zu begegnen statt mit Selbstkritik.
- Gemeinsames Menschsein bezieht sich darauf, die eigene (leidvolle) Erfahrung als Teil der größeren menschlichen Erfahrung zu betrachten statt diese als trennend und isolierend anzusehen.
- Achtsamkeit meint die Fähigkeit, die eigenen schmerzvollen Gedanken und Gefühle in einem ausgeglichenen Bewusstseinszustand wahrnehmen und halten zu können, statt sich mit ihnen übermäßig zu identifizieren.
Vor ungefähr zwei Jahrzehnten fand dieses ursprünglich buddhistische Konstrukt seinen Weg in die westliche Psychologie und Psychotherapie, als etwa zeitgleich zwei Psycholog:innen – Paul Gilbert (2000) und Kristin Neff (2003) – ihre Arbeit auf diesem Gebiet veröffentlichten. Selbstmitgefühl gilt als Resilienzfaktor, dessen Erforschung seitdem exponentiell gestiegen ist. Es ist empirisch gut belegt, dass Selbstmitgefühl mit psychischer Gesundheit und Wohlbefinden zusammenhängt. Selbstmitgefühl steht bspw. im Zusammenhang mit positivem Affekt, Glück, Lebenszufriedenheit, einem produktiveren Umgang mit Lebensereignissen und funktionalerer Beziehungsgestaltung. Zudem geht es einher mit einer verminderten Psychopathologie, korreliert u. a. negativ mit Neurotizismus, Rumination, Depression, Angst, Stress, Suizidgedanken und Selbstverletzungen (Diedrich, 2016; Neff, 2023; Neff & Germer, 2022a). Längsschnittstudien belegen sogar einen prädiktiven Wert von Selbstmitgefühl für spätere Psychopathologie (Neff, 2023). Die Studienlage verweist jedoch nicht nur auf korrelative Zusammenhänge zwischen psychischen Gesundheitsfaktoren und Selbstmitgefühl, sondern demonstriert auch zunehmend das Potenzial mitgefühlsorientierter Verfahren bei einer Vielzahl von psychischen Störungen bspw. Depressionen und Angsterkrankungen, Trauma, Essstörungen, Suchterkrankungen, Psychosen und Persönlichkeitsstörungen (Germer, 2023)."
Auszug aus:
Krüger, M. (2023). Selbstmitgefühl: Ein neuer Standard in der Psychotherapie? VPP aktuell (63), 11-14.
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